Folsäure (Vitamin B9) ist vor allem für seine Bedeutung in der Schwangerschaft bekannt: Eine ausreichende Versorgung vor und in der Frühschwangerschaft reduziert das Risiko für Neuralrohrdefekte beim Kind erheblich. Doch Folsäure spielt auch außerhalb der Schwangerschaft eine wichtige Rolle – für DNA-Synthese, Zellteilung und den Homocystein-Stoffwechsel. Dieser Artikel erklärt alles Wichtige.
Wirkungen von Folsäure
Folsäure ist die synthetische Form von Folat (dem natürlichen Vitamin B9 in Lebensmitteln). Im Körper wird es in die aktive Form 5-Methyltetrahydrofolat (5-MTHF) umgewandelt. Zentrale Funktionen:
- DNA-Synthese und Zellteilung: Folat ist essentiell für die Biosynthese von Purinbasen und Thymidin. Besonders in sich schnell teilenden Zellen (Knochenmark, Darm, Fötus) ist Folat unentbehrlich.
- Aminosäure-Stoffwechsel: Folat ist am Methionin-Zyklus beteiligt – ein Methylgruppendonator-Kreislauf, der für Methylierungsreaktionen (Epigenetik, Neurotransmitter) essentiell ist.
- Homocystein-Reduktion: Zusammen mit B12 und B6 remethyliert Folat Homocystein zu Methionin und senkt damit erhöhte Homocysteinwerte.
Folsäure in der Schwangerschaft
Die bekannteste Indikation für Folsäure-Supplementierung: Prävention von Neuralrohrdefekten (Spina bifida, Anenzephalie). Das Neuralrohr schließt sich in der 3.–4. Schwangerschaftswoche – oft bevor die Schwangerschaft bekannt ist.
Empfehlung der DGE und BZgA:
- 400 µg Folsäure täglich mindestens 4 Wochen vor der Empfängnis beginnen
- Während des gesamten ersten Trimesters fortführen
- Diese Supplementierung reduziert das Neuralrohrdefekt-Risiko um ca. 50–70 %
In Hochrisikogruppen (vorherige Schwangerschaft mit Neuralrohrdefekt, Einnahme von Antiepileptika) werden höhere Dosen empfohlen (4–5 mg täglich nach ärztlicher Verschreibung).
Folsäure und Homocystein
Erhöhte Homocysteinspiegel (Hyperhomocysteinämie) sind mit erhöhtem Risiko für Herzerkrankungen, Schlaganfall und Demenz assoziiert. Folsäure, B12 und B6 senken erhöhtes Homocystein effektiv:
- Ein Cochrane-Review (2015) bestätigt, dass B-Vitamin-Supplementierung Homocystein sicher und wirksam senkt.
- Ob das Senken von Homocystein kardiovaskuläre Ereignisse reduziert (nicht nur den Laborwert), ist weniger eindeutig und abhängig von der Ausgangssituation.
Folsäuremangel: Symptome und Risikogruppen
Symptome des Folsäuremangels:
- Megaloblastäre Anämie (ähnlich B12-Mangel): Müdigkeit, Blässe, Atemnot
- Glossitis (entzündete Zunge), Mundwinkelrhagaden
- Erhöhte Homocysteinwerte
Risikogruppen:
- Frauen im gebärfähigen Alter (bei ungeplanter Schwangerschaft)
- Alkoholiker (Alkohol hemmt Folatresorption und erhöht renale Ausscheidung)
- Personen mit Malabsorption (Zöliakie, CED)
- Einnahme bestimmter Medikamente (Methotrexat, Antiepileptika, Sulfasalazin)
- Personen mit MTHFR-Genvariante (C677T), die Folsäure schlechter umwandeln
Folat in Lebensmitteln
Natürliches Folat (in Lebensmitteln) hat eine geringere Bioverfügbarkeit als synthetische Folsäure. Gute Quellen:
- Kalbsleber: ca. 590 µg/100 g (höchste natürliche Quelle)
- Edamame/Sojabohnen: ca. 303 µg/100 g
- Spinat (roh): ca. 194 µg/100 g
- Spargel: ca. 174 µg/100 g
- Rote Bete: ca. 109 µg/100 g
In Deutschland ist Folsäure nicht wie in manchen anderen Ländern (USA, Kanada) in Grundnahrungsmitteln angereichert. Die durchschnittliche Folatzufuhr liegt unter der Empfehlung.
Dosierung und Supplementierung
- DGE-Empfehlung: 300 µg Folat-Äquivalente täglich für Erwachsene
- Schwangerschaft: 550 µg täglich (plus 400 µg Folsäure als Supplement)
- Stillzeit: 450 µg täglich
- EFSA Tolerable Upper Level: 1.000 µg synthetische Folsäure täglich
MTHFR-Genvariante: Methylfolat besser?
Die MTHFR C677T-Genvariante (ca. 10–15 % der Bevölkerung sind homozygot) reduziert die Enzymaktivität des MTHFR-Enzyms, das Folsäure in die aktive Form 5-MTHF umwandelt. Für diese Personen empfehlen manche Experten direkt die aktive Form:
- 5-Methyltetrahydrofolat (5-MTHF / Methylfolat): Aktive Form, umgeht den MTHFR-Schritt. Besonders für MTHFR-Träger empfohlen.
- Für die allgemeine Bevölkerung ist der Unterschied zwischen Folsäure und Methylfolat bei Standarddosen gering.
Häufige Fragen zu Folsäure
Wann sollte ich mit Folsäure beginnen, wenn ich schwanger werden möchte?
Mindestens 4 Wochen vor der geplanten Empfängnis, idealerweise 3 Monate vorher. Da viele Schwangerschaften ungeplant sind, empfehlen DGE und BZgA allen Frauen im gebärfähigen Alter, täglich 400 µg Folsäure zu supplementieren.
Kann zu viel Folsäure schaden?
Sehr hohe Folsäuredosen (über 1.000 µg täglich) können einen B12-Mangel maskieren – das Blutbild normalisiert sich, aber neurologische Schäden durch B12-Mangel schreiten fort. Daher ist bei hoher Folsäure-Supplementierung die parallele Sicherstellung ausreichend B12 wichtig. Im Rahmen der EFSA-Obergrenze von 1.000 µg täglich gilt Folsäure als sicher.
Quellen
- DGE (2020): Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr: Folat. Deutsche Gesellschaft für Ernährung.
- Czeizel AE & Dudás I (1992): Prevention of the first occurrence of neural-tube defects by periconceptional vitamin supplementation. New England Journal of Medicine, 327(26): 1832–1835.
- EFSA NDA Panel (2014): Scientific Opinion on Dietary Reference Values for folate. EFSA Journal, 12(11): 3893.
- Froese DS et al. (2019): Methylenetetrahydrofolate reductase: biochemistry, genetics, and relevance to disease. Annual Review of Genomics and Human Genetics, 20: 10.1–10.21.
Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information. Für Schwangere und Frauen mit Kinderwunsch empfiehlt sich die Rücksprache mit dem Frauenarzt bezüglich Folsäure-Supplementierung.
